Die Bigband

von Thorsten Wollmann

Komponieren und Arrangieren für Bigband ist heutzutage: kein leichtes Unterfangen, wie Jazzpreisträger Thorsten Wollmann aus eigener Erfahrung weiß. Ein kurzer Abriss betreffend das Gestern und die Gegenwart der urjazzigen Großformation.

Erschienen im Magazin „Jazz Podium“, Ausgabe 6-7/2022.

Jazz Podium

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Die Bigbands sind für den Jazz was die Orchester für die Klassik sind: große Ensembles, in denen das Zusammenspiel von vielen Musikern, meist unter der Leitung eines erfahrenen Dirigenten, ermöglicht wird. Gemeinsames Musizieren geht natürlich auch in kleineren Gruppen, jedoch bieten orchestrale Elemente einen vielschichtigeren Klang, ungeahnte Klangfarben, und es fasziniert immer wieder, alleine die Kraft eines gut gespielten Tuttis live zu erleben.

Größere Jazzensembles entstanden im traditionellen Jazz zunächst aus der Notwendigkeit, hauptsächlich draußen zu spielen. Dazu brauchte man einen denkbar weitreichenden Klang. Eventuell wollte man sogar noch dabei laufen, wie z.B. bei Paraden der Bestattungen. Lautere Blechblasinstrumente wie das Kornett und die Posaune waren dazu ideal, auch Klarinette und Saxophon, Banjo sowie kleine und große Trommel. Für einen satten Bass spielte man Sousafon oder Tuba. Erst als die Bands immer mehr in den Klubs auftraten, etablierte sich das Klavier als Harmonieinstrument, die Gitarre ersetzte das Banjo und der gezupfte Kontrabass konnte verstärkt werden. In einem Saal konnte zu Swingmusik getanzt werden, wodurch wohl die Einnahmen stiegen und so die Jazzband vergrößert werden konnte. Eine Sektion aus mehreren Trompeten und Posaunen war plötzlich machbar, auch eine mit mehreren Saxophonen.

Das Drumset wurde zum Zentrum der Rhythmusgruppe, und ein Dirigent oder Bandleader wurde gebraucht, um das Ganze zusammenzuhalten. In der Zeit der 1920er- und 1930er-Jahre kamen Ensembles wie z. B. die Fletcher Henderson Band oder das Duke Ellington Jazz Orchestra auf. Die großen Swing-Bigbands der Vierzigerjahre, die alle von Arrangeuren und / oder Instrumentalisten geleitet wurden, wie etwa von den Klarinettisten Benny Goodman und Woody Herman, dem Trompeter Harry James oder den Posaunisten Glenn Miller und Tommy Dorsey, etablierten dann die typische Bigband-Standardbesetzung, die bis heute verwendet wird: Sie besteht aus fünf Saxophonen, vier Trompeten, vier Posaunen und Rhythmusgruppe.

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Wenn die Musik sich auch inzwischen sehr verändert hat, so spielen weltweit immer noch sowohl die Rundfunk-Bigbands und Hochschul-Bigbands als auch andere Profi- und auch Amateur-Bigbands in genau dieser Besetzung. Abweichungen davon sieht man selten, und wenn, dann vornehmlich bei der Verwendung sogenannter „Doublings“, also einem Wechsel bei den Saxophonen zum Zweitinstrument Flöte, Klarinette und Bassklarinette, oder mal den Einsatz einer fünften Trompete oder Posaune.

Musik für ein Ensemble mit 17 Spielern lässt sich dann nicht mehr so einfach improvisieren und auch die im Jazzquartett oder -quintett durchaus noch üblichen Leadsheets, also Kompositionsskizzen im Umfang von ein bis zwei Seiten mit meistens nur Melodien und Akkordsymbolen, reichen für Aufführungen von Bigbandmusik nicht mehr aus. Gefragt waren und sind auch heute noch Komponisten und Arrangeure, die neue Werke für Bigband schreiben, damit das Genre lebendig bleiben kann.

Das Arrangement hat eine langjährige Jazztradition. Es ist die Bearbeitung eines eigenen oder von jemand anderem komponierten Werks für eine bestimmte Besetzung, mitunter eine stilistische Umarbeitung. Als berühmte Jazz-Arrangeure gelten ein Billy Strayhorn oder ein Gil Evans: Sie ließen gerne Klassisch-Erprobtes in Jazzsituationen erklingen („Der Nussknacker“- und „Peer-Gynt“-Suiten, „Sketches of Spain“). Beim Arrangeur Bill Holman enthalten die Bigband-Charts vielfach kontrapunktische Satztechniken.

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Komponieren für Bigband heißt jedoch, ein ganz neues, eigenes Werk zu erfinden und dies so einzurichten, dass es für eine Bigband spielbar wird. Stilistisch sind dem heute keine Grenzen mehr gesetzt. Obwohl die Besetzung schon so erprobt ist, erstaunt es doch, welche ungeahnten Möglichkeiten des Klanges, der Texturen, der Orchestration und der Formen es noch zu entdecken gibt. Hinzu kommt natürlich auch der Reiz, Bigbandmusik mit Improvisation zu verbinden – die meisten Bigbands haben dafür sehr gute, individuell agierende Solisten. Bob Brookmeyer, der Komponist und Posaunist des Westcoast-Cooljazz, wies in seinem zweijährigen Jazz Composers Workshop an der Musikhochschule Köln, an dem ich in den 1990er-Jahren teilnehmen durfte, darauf hin, dass die meisten Jazzkompositionen für größere Ensembles mehr Möglichkeiten hinsichtlich Form und Entwicklung der Themen bieten, als davon allgemein Gebrauch gemacht wird.

Die Songform der Leadsheets, so gut sie auch für die kleinen Gruppen funktionieren kann, war ihm zu wenig kunstvoll, wenn es um längere Werke für umfassendere Jazzensembles ging. Vergleiche vor allem mit komplexeren sinfonischen Orchesterkompositionen der Spätromantik wurden im Workshop oft diskutiert – Gustav Mahler z. B. schrieb sinfonische Sätze von bis zu dreißig Minuten Dauer mit nur drei Themen, ohne Wiederholungen, ohne Improvisationen und ohne die Verwendung einer Rhythmusgruppe.

Beim Komponieren für Bigband sind Autoren gefordert, die sich auch mit den klassischen Disziplinen Harmonielehre, Kontrapunkt, Satztechniken, Orchestration, Form und Improvisation auseinandergesetzt haben. Für jedes dieser Fächer gibt es Fachbücher und Kurse an Universitäten und Hochschulen. Für Bigbandkomposition benötigt man heute etwas Technologie, wie z. B. ein gutes Notensatzprogramm und einen Computer, wenn man nicht, wie ich während meiner Studienzeit, alles mit Hand schreiben möchte. Ein Vorteil des PC-Einsatzes ist nicht nur der klar lesbare Notensatz und die Zeitersparnis besonders beim Erstellen der Stimmen, sondern ein wenn auch mehr oder weniger fragwürdiges Playback zu Demozwecken und die Möglichkeit, Änderungen, etwa Transpositionen – für Sänger und Sängerinnen! – recht schnell herstellen zu können. Wer noch mehr will, besorgt sich einen Sequenzer, zusätzliche Software und streicht seinen jährlichen Sommerurlaub…

Was bedeutet Komponieren und Arrangieren für Bigband heute? Die gute Nachricht ist, dass Arrangements weiterhin gefragt sind und der Bedarf nach Bearbeitungen bekannter und beliebter Titel für ganz bestimmte Anlässe und auch speziellere Besetzungen nicht abnimmt. Besonders Gesangstitel werden gerne arrangiert, jeder Sänger und jede Sängerin haben in Bezug auf Tonart, Tonumfang und Begleitung ihre eigenen Wünsche. Inzwischen gibt es ja auch an fast jeder Musikschule oder Universität eine eigene Bigband, so dass bei Hunderten von diesen Ensembles ein entsprechender Markt für Arrangements entstanden ist. Die vier professionellen Rundfunk-Bigbands in Deutschland spielen dabei natürlich auch eine Rolle und haben ein Budget, von dem jedes Jahr neue Aufträge für Arrangements vergeben werden.

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Viel schlechter sieht es aber für europäische Jazzkomponisten und -komponistinnen aus, die gerne für Bigband schreiben möchten. Sicher bekommen auch diese einmal ihre Werke gespielt, da es ja inzwischen genug Klangkörper gibt. Von einer Vergütung, die dem Arbeitsaufwand entspricht, können sie aber oft nur träumen. Auch der Gedanke, auf der Komponiertätigkeit einen Berufsweg aufzubauen, erscheint geradezu absurd. Dies liegt hauptsächlich daran, dass die größeren Budgets für Auftragskompositionen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Jazz seit Jahrzehnten für die Stars aus Amerika ausgegeben werden. Und dies, obwohl der Jazz ja schon längst Weltmusik geworden ist. Das Vertrauen in die Fähigkeiten einer neuen Generation von Bigbandkomponisten und -komponistinnen aus dem eigenen Land ist jedenfalls bei den meisten Rundfunkredakteuren nicht vorhanden, was ich nun besonders als Pädagoge im Fach Komposition / Arrangement sehr bedauere.

Was bleibt, sind eigene Projekte, wobei ich hier meinen Respekt und meine Bewunderung denjenigen aussprechen möchte, die sich dazu entschließen, ihr eigenes Jazzorchester zusammenzustellen, um vielleicht als Dirigent oder Dirigentin eine Sammlung eigener Werke einzustudieren oder eventuell sogar ein ganzes Album damit zu produzieren.

Auch im Jahr 2022 betrachte ich die Bigband-Szene als lebendig und sehe ihrer Entwicklung enthusiastisch entgegen. Bei der Betreuung meiner eigenen Master-Studenten und -Studentinnen im Studiengang Komposition / Arrangement fällt mir auf, dass es an Ideen jedenfalls nicht mangelt. Handwerk – ja, über das muss man reden, und es schadet auch nicht, gewisse traditionelle Abläufe aufzuarbeiten. Hier in Europa haben wir eine tausendjährige Tradition der Musiknotation, also eine ausgezeichnete Grundlage für komplexere Kompositionen. Das schlägt sich auch beim Komponieren und Arrangieren für Bigband nieder. Stilistisch kann man heute eigentlich alles schreiben, was Menschen jemals erfunden haben, und auch das, an was noch nicht gedacht wurde. Toleranz ist hier eine Voraussetzung, und es hilft, wenn man dazu bereit ist, den Moment genießen zu können.

Dieser Beitrag erschien im Magazin „Jazz Podium“, Ausgabe 6-7/2022.

Über den Autor:

Homepage:http://www.thorstenwollmann.com/

Prof. Dr. Thorsten Wollmann lehrt am Jazz-Institut Berlin der Universität der Künste im Hauptfach Komposition/Arrangement (MA) und in den Fächern Bigband und Ensemble. Als Komponist, Arrangeur und Dirigent arbeitete der Jazzpreisträger Baden-Württembergs mit den Bigbands des WDR, NDR, HR und SWR zusammen. Dieses Jahr wurde er für zwei Projekte mit der Danish Radio Bigband nach Kopenhagen eingeladen.

Noten von Thorsten Wollmann

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