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Die vier witzigsten Komponisten der Klassik

von David Rauh (11.02.2022)

Klassik und Humor – passt das überhaupt zusammen? Na und ob! David aus der Stretta-Redaktion hat nach Instrumentalmusik gesucht, bei der man im Konzertsaal auch mal lachen kann. In diesem Beitrag kürt er die vier witzigsten Komponisten ihrer Zeit. Vielleicht kann das ein oder andere Beispiel aus Dir ein Schmunzeln oder Lachen herauskitzeln…

Barock: Georg Philipp Telemann

Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatten Komponisten meist einen guten Grund, um in ihren Werken von der musikalischen Norm abzuweichen. Wenn kein Gesang (dessen Text musikalisch ausgedeutet wurde) enthalten war, ließen sich Komponisten des Barock oft von Literatur, Poesie oder der Natur inspirieren und ahmten die gewählten Sujets tonmalerisch nach (am bekanntesten ist wohl Antonio Vivaldis Die vier Jahreszeiten). Nicht immer blieben sie dabei ganz ernst. Von Telemann – mit geschätzt 3600 Werken einer der produktivsten Komponisten überhaupt – sind besonders viele dieser Werke mit einer ‚Lizenz zum Lachen‘ erhalten geblieben.

Beginnen wir mit der Intrada-Suite TWV 40:108 für zwei Violinen: Was mit einer Folge verschiedener Tänze für den Hörer wie ein gewöhnliches Werk der Zeit wirkt, entpuppt sich für die Musizierenden insbesondere durch die Titel und den Blick in die Noten als eine durch und durch witzige Komposition. Sie zeichnet die vier Stationen des damals brandaktuellen satirischen Romans Gulliver’s Travels (1726) von Jonathan Swift nach, wobei insbesondere die ersten beiden Stationen mit einem Augenzwinkern komponiert wurden. Die Zwerge bekommen in der „Lilliputsche Chaconne“ nämlich kleinste Notenwerte zugeteilt: Im 3/32-Takt spielen die Violinen 256-tel-Noten (das sind sechs Balken!). Ganz anders bei den Riesen, denn die kommen in der „Brobdingnagische Gique“ mit extrem langen Notenwerten daher. Hier greift Telemann auf ältere Notation zurück: Breven und Semibreven, die vier bzw. zwei ganzen Noten entsprechen. Auch hier ist die Wahl der Taktart äußerst kurios: 24/1!

Ein anderes Spiel mit dem Notenbild nimmt Telemann in der „Branle“ der Ouvertüre „La Bizarre“ TWV 55:G2 in G-Dur vor. Hier notierte der Komponist die vier Stimmen in unterschiedlichen Taktarten: Die erste in 4/4, die zweite in 6/4, die dritte in 2/4 und die vierte in 6/8. Dadurch gerät die Musik ins Wanken, was das Concerto Copenhagen voll auskostet – ebenso wie die anderen ‚bizarren‘ Elemente des Werks.

Bei Telemann findet man so manche kuriose Naturdarstellung: So endet die Ouvertüre „La Bizarre“ mit der Imitation einer Nachtigall. Ein besonderes Faible hatte er wohl für den Froschgesang. Sonst hätte er ihm nicht einen Satz in der Alster-Ouvertüre ( „Die concertierenden Frösche und Krähen“) und ein ganzes Konzert gewidmet: „Imitiert die Reelinge“ (alte Bezeichnung für Frösche) überschreibt er das Violinkonzert in A-Dur TWV 51:A4. Und tatsächlich bekommt man schnell den Eindruck, an einem Teich zu sitzen.

Noten mit Humor von Georg Philipp Telemann:

Wiener Klassik: Joseph Haydn

Die drei großen Wiener Klassiker waren allesamt Spaßvögel. Besonders Papa Haydn war bekannt für seinen musikalischen Witz – viele seiner Späße zünden auch ohne viel musikalisches Vorwissen.

Fangen wir mit dem Streichquartett in G-Dur op. 33 Nr. 5 an, das ist nämlich ein richtiger Sekundenwitz: Gerade angefangen, schon vorbei. Das Stück beginnt mit einer typischen musikalischen Schlussformel. Ist das Stück etwa schon zu Ende? Nein – eigentlich beginnt der erste Satz so richtig. Ein anderes Spiel mit dem Schluss treibt Haydn im zweiten Streichquartett in Es-Dur aus demselben Zyklus, das deshalb gleich den Beinamen „Der Scherz“ erhielt. Das Finale weiß einfach nicht richtig aufzuhören. Die letzten Töne des Stücks wirken kaum wie ein richtiger Abschluss, erwartet man doch wieder die Fortführung des Themas. Das Stück eignet sich perfekt, um einen ‚falschen‘, da verfrühten Applaus anzulocken!

Auch andere Haydn-Sinfonien tragen Beinamen, die auf weitere Scherze hindeuten. Seine 60. Sinfonie in C-Dur „Il distratto“ basiert auf einer komischen Theaterhandlung, in der die männliche Hauptfigur Leander sich wegen seiner Zerstreutheit in ungünstige Situationen verstrickt. Haydns Musik ist im Verlauf mal dynamisch, mal tonal ‚zerstreut‘, im letzten Satz sind es dann die Instrumentalisten selbst. Denn nach den ersten paar Takten stoppt die Musik, damit die Violinen nachstimmen können! Eine zeitgenössische Rezension meint dazu: „Man muß über den Gedanken helllaut lachen.“ Weitere berühmte Sinfonien mit Beinamen wären z.B. die „Abschiedssinfonie“ Nr. 45 in fis-Moll, in deren letzten Satz die Musiker nach und nach die Bühne verlassen, oder die Sinfonie Nr. 94 in G-Dur „mit dem Paukenschlag“, welcher im zunächst ruhigen Andante die Gemüter weckt.

Beenden möchte ich diesen Abschnitt mit einer Sinfonie ohne Beinamen. Sie hätte aber einen dank eines Fagottsolos verdient! Kein gewöhnliches Solo, nein, es ist nur ein Ton. Ein Ton mit Pfiff. Im Largo cantabile der 93. Sinfonie in D-Dur zieht die Musik ganz sanft vorbei, gegen Ende verklingt sie allmählich, nur noch Violinen und Flöten wechseln sich zaghaft ab… bis die zwei Fagotte plötzlich im fortissimo ein großes C spielen! Wie empört über diese Störung, folgt ein letztes kurzes Orchestertutti. In dieser Aufnahme mit dem Chamber Orchestra Of Europe unter Claudio Abbado kann man diesen anstößigen Ton (04:38) förmlich riechen. Warum nur hat diese Sinfonie nicht den ihr gebührenden Beinamen erhalten…?

Noten mit Humor von Joseph Haydn:

Romantik: Gioachino Rossini

Die romantische Instrumentalmusik ist auf den ersten Blick erstaunlich humorlos. Nicht falsch verstehen: Zuweilen ist sie heiter, doch selten richtig komisch. Mit der Humoreske entsteht zwar eine neue Gattung, doch diese verbreitet mehr eine fröhliche Stimmung (oder ist sehr komplex, s. Schumanns op. 20) als Klamauk. Chopins Scherzi haben eher grotesken Humor. Manche Stücke sind allenfalls ironisch, wie Schumanns zweite Klaviersonate, die im ersten Satz schon so rasch wie möglich beginnen soll, in der Coda aber fordert, schneller und noch schneller zu werden. Der Konzertsaal war vielleicht einfach nicht mehr der Ort zum Lachen. Die „absolute Musik“ ist scheinbar zu einem zu ernsten Thema geworden.

Aber auf der Bühne gab es dafür noch genug zu lachen! Gioachino Rossini verhalf der Opera buffa zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu ihrem absoluten Höhepunkt. Doch recht bald waren rein komische Opern nicht mehr en vogue. Die komischen Elemente flossen fortan in die ernstere Grand opéra ein. Rossinis Guillaume Tell aus dem Jahr 1829 war sein letzter Beitrag für die Bühne. Danach zog sich der Komponist weitgehend zurück. Heute würde man sagen: aufgrund eines Burnouts. Er widmete sich dann seiner zweiten Leidenschaft, der Kochkunst. Bis zu seinem Lebensende 1868 schrieb er nebenher aber noch weiter Musik, seit 1857 die von ihm so bezeichneten Péchés de vieillesse, insgesamt 150 Vokal-, Kammermusik- und Klavierstücke, die er zur privaten Unterhaltung seiner Gäste anfertigte. Der Titel der Sammlung verrät schon, warum ich mir diesen langen Vorlauf erlaubt habe: Der Witz, der schon in Rossinis erfolgreichsten komischen Opern steckte, findet sich auch in seinen instrumentalen „Alterssünden“ wieder.

Nicht nur die Titel sind komisch: Zum Morgen braucht Rossini ein hygienisches Präludium ( „Mon prélude hygiénique du matin“), sein Walzer ist „gefoltert“ ( „Valse torturée“), seine Mazurka eine (Polka-)„Fehlgeburt“ ( „Fausse couche de polka mazurka“), und wenn es einmal nachdenklich wird („Memento homo“), muss es danach gleich wieder beschwingt zugehen ( „Assez de memento: dansons“ – „Genug des Gedenkens: Lasst uns tanzen“).

Mein persönliches Highlight: „Les raisins: A ma petite perruche“. Während der Papagei zur lustigen Musik seine Rosinen verspeist, grüßt er mit sich wiederholenden Phrasen seinen Herrn, den Scherzkeks: „Bonjour Rossini, bonjour farceur, oh c'te tête!“ Später stimmt der Vogel verschiedene französische Lieder an, darunter das Trinklied „Tourdion“ und die Chanson „J'ai du bon tabac“. Alessandro Marangoni singt beim Klavierspiel den Papagei mit – im Zusammenklang ein köstlicher Ohrenschmaus! Apropos: Dieses Stück ist Teil des Zyklus Quatre mendiants, dessen Sätze nach den Zutaten des titelgebenden Desserts benannt sind, ähnlich auch in Quatre Hors d'Oeuvres. Da zeigt sich der Gourmet. Es lohnt sich wirklich, sich alle diese Stücke zu Gemüte zu führen!

Noten mit Humor von Gioachino Rossini:

Klassische Moderne: Erik Satie

Mit der Jahrhundertwende kehrte der Sinn für Komik in der Instrumentalmusik wieder zurück. Nachdem Richard Wagner die Tonalität an ihre Grenzen geführt hatte, schien danach ein vernachlässigter Parameter der Musik wiedergefunden zu sein. Eben jener Kollege wurde nun gerne aufs Korn genommen, so z. B. von Paul Hindemith ( Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt) oder Claude Debussy ( „Golliwog's Cakewalk“, das im B-Teil den Beginn von Tristan und Isolde trivialisiert). Als Parodie auf Wagners unendliche Melodie kann man auch Erik Saties Vexations (1893) lesen; so lautet die Ausführungsanweisung:

„Pour se jouer 840 fois de suite ce motif, il sera bon de se préparer au préalable, et dans le plus grand silence, par des immobilités sérieuses“. – Übersetzung

John Cage hat diese Worte 1963 als erster ernst genommen. Die vollständige Uraufführung des eigentlich sehr kurzen Stücks dauerte über 18 Stunden!

Springen wir zwei Jahrzehnte weiter: Die 1913 veröffentlichten Embryons Desséchés (Ausgetrocknete Embryonen) überschreibt Satie mit den folgenden Worten:

„Cette œuvre est absolument incompréhensible, même pour moi. D'une profondeur singulière, elle m'étonne toujours. Je l'ai écrite malgré moi, poussé par le destin. Peut-être ai-je voulu faire de l'humour ? Cela ne me surprendrait pas, et serait assez dans ma manière.“Übersetzung

Hier ein paar Hinweise zum Schmunzeln: Der erste und dritte Satz enden mit viel zu langen, uninspirierten und pompösen Kadenzen, wie man sie vielleicht von groß angelegten Werken kennt. Der zweite Satz verweist auf ein Zitat der „célèbre Mazurka de Schubert“, in Wahrheit wird aber Chopins Trauermarsch aus seiner zweiten Klaviersonate persifliert.

Die Noten werden noch häufiger humoristisch kommentiert – das macht er in allen derartigen Klavierstücken dieser Zeit. Mit nicht weniger Ironie deklariert er in der Erstausgabe der Heures séculaires et instantanées (1914):

„Je défends de lire, à haute voix, le texte, durant le temps de l'exécution musicale. Tout manquement à cette observation entraînerait ma juste indignation contre l'outrecuidant. Il ne sera accordé aucun passe-droit.“Übersetzung

Beispielhaft soll für diese Kommentare zuletzt noch seine Sonatine Bureaucratique herhalten; gleichzeitig bildet sie den Abschluss dieser kuriosen Reihe von Klavierstücken, die 1912 ihren Anfang mit Préludes flasques (pour un chien) („Schlaffe Präludien (für einen Hund)“) nahm. Die Sonatine erzählt in drei komprimierten Sätzen vom Alltag eines Beamten. Es gibt keine wirkliche Entwicklung in der Story. Was wie ein Ausgangspunkt für einen Konflikt und mit einer überraschenden harmonischen Wendung daherkommt („Il aime une jolie dame très élégante“), verliert sofort an Bedeutung („Il aime aussi son porteplume, ses manches en lustrine verte sa calotte chinoise.“Übersetzung). Im Andante beschäftigt den Beamten der Gedanke einer Beförderung. Der dritte Satz, Vivache (vache = Kuh), steckt musikalisch voller Kontraste, für die der begleitende Text immer banale ‚Begründungen‘ parat hat. Satie, der selbst kein Fan von Tondichtung war, treibt das Verfahren ad absurdum. Ein Beispiel, jeweils im Abstand von vier Takten:

  • Nachschläge auf Zählzeit zwei und drei: „Il ose valser!“
  • Dunkle, choralartige Textur: „Tout cela est bien triste.“
  • Sechzehntelläufe: „Le piano reprend son travail.“Übersetzung

Noten mit Humor von Erik Satie:

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